Mangelernährung im Alter

Wussten Sie, dass Mangelernährung eine der häufigsten Erkrankungen im Alter ist und das Risiko für Stürze, Infektionen und Pflegebedürftigkeit deutlich erhöht?

Definition

Mangelernährung bedeutet, dass der Körper nicht genügend jener Nährstoffe erhält, die er benötigt, um gesund zu bleiben. Das kann passieren, wenn jemand zu wenig bzw. nicht bedarfsdeckend isst. Die Folge ist oft ein ungewollter Gewichtsverlust und ein schnell fortschreitender Muskelabbau, auch als Sarkopenie bekannt.

Häufigkeit

Bei älteren Menschen ist Mangelernährung besonders häufig. Zwischen 20% und 50% der älteren Erwachsenen im Krankenhaus und in Pflegeheimen sind von Mangelernährung betroffen. Im häuslichen Umfeld betrifft es, je nach Pflegebedarf, bis zu 30%.

Ursachen und Anzeichen für Mangelernährung

Mangelernährung ist nicht immer sichtbar. Auch übergewichtige Personen können von Mangelernährung betroffen sein!

Es gibt verschiedene Methoden, um das Risiko für eine Mangelernährung festzustellen (z.B. kurze Fragebögen wie das Mini Nutritional Assessment – MNA). Diese Fragebögen sind hilfreich, um Personen zu identifizieren, die eine umfassende Begutachtung benötigen.

Folgende Kriterien werden zur Diagnosestellung einer Mangelernährung (lt. GLIM*) berücksichtigt:

  • Feststellung körperlicher Anzeichen: ungewollter Gewichtsverlust, geringe Körpermasse (BMI), reduzierte Muskelmasse
  • Beurteilung möglicher Ursachen: reduzierte Nahrungsaufnahme, eingeschränkte Nährstoffverwertung, akute (entzündliche) Erkrankungen, chronische Entzündungen

Der Teufelskreis – Folgende körperliche Anzeichen gehen häufig mit einer Mangelernährung einher. Sie können Ursache als auch Folge einer Mangelernährung sein und fließend ineinander übergehen:

  • Ein verringerter Appetit führt zu einer geringeren Nahrungsaufnahme und kann ein wichtiges Anzeichen für Mangelernährung sein. Ein Mangel an bestimmten Nährstoffen kann zusätzlich zu einem Appetitverlust führen (z.B. Vitamin B12, Eisen) oder den Geschmackssinn beeinträchtigen (z.B. Folsäure). Mit einer regelmäßigen Blutkontrolle beim Hausarzt können diese spezifischen Nährstoffmängel festgestellt werden.
  • Eine verminderte Nahrungsaufnahme kann verschiedene Gründe haben (z.B. schlechte Zähne, Schluckprobleme, Magenschmerzen, Einsamkeit, etc.). Wenn über einen längeren Zeitraum weniger als gewöhnlich gegessen oder ein erhöhter Nährstoffbedarf (z.B. im Rahmen einer Erkrankung) nicht gedeckt wird, ist das ein Risikofaktor für Mangelernährung.
  • Ein ständiges Gefühl von Schwäche kann darauf hinweisen, dass der Körper nicht genügend Nährstoffe bekommt und die Muskeln schwächer werden. Andauernde Müdigkeit kann sich zudem ungünstig auf die Qualität und Menge der Nahrungsaufnahme auswirken.
  • Für eine optimale Wundheilung benötigt der Körper verschiedene Nährstoffe in ausreichender Menge. Wenn Wunden langsamer heilen als gewöhnlich, wird der für die Wundheilung nötige Mehrbedarf an Nährstoffen möglicherweise nicht gedeckt. Auch das kann auf eine Mangelernährung hinweisen.
  • Eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen kann darauf hindeuten, dass das Immunsystem geschwächt ist, was häufig bei Mangelernährung der Fall ist.
  • Akute und chronische Erkrankungen können den Körper schwächen und den Appetit und die Nahrungsaufnahme verringern. Vor allem im fortgeschrittenen Alter können vorübergehende Defizite in der Nahrungszufuhr schlechter wieder ausgeglichen werden, als in jüngeren Jahren. Damit stellen auch akute und chronische Erkrankungen einen Risikofaktor für Mangelernährung dar.

 

Gut zu wissen: Um festzustellen, ob sich die Nahrungsaufnahme reduziert hat, kann ein Ernährungsprotokoll hilfreich sein (z.B. 3 Tage mitschreiben, was und wie viel gegessen und getrunken wird). Zur genaueren Beurteilung einer ausreichenden Nährstoffzufuhr ist jedoch eine diaetologische Unterstützung notwendig.

Die beste Therapie ist die Beseitigung der Ursache. Es ist oberste Priorität den Ursprung der Mangelernährung herauszufinden und, wenn möglich, etwas dagegen zu unternehmen. Sollten zum Beispiel schlechtsitzende Zähne eine Ursache für Schmerzen und eingeschränkte Nahrungsaufnahme sein, ist es wichtig, dies bei einem Zahnarzt abklären zu lassen.

Frühzeitig beginnen: Es ist wichtig, bereits frühzeitig auf kleine Veränderungen in der Nahrungsaufnahme oder des Appetits zu reagieren. Bei älteren Menschen lässt sich ein Gewichtsverlust schwerer ausgleichen, als bei jüngeren Menschen. Daher bleiben Sie wachsam, wenn die Hose plötzlich lockerer sitzt oder der Appetit nachlässt.

“Nahrung ist die erste Medizin” – Praxistipps

Grundsätzlich gilt in der Therapie von Mangelernährung: Genuss, Nährstoffdichte und Appetiterhalt sind Schlüsselfaktoren und stehen an oberster Stelle.

  • Die persönlichen Vorlieben der Betroffenen sollen im Vordergrund stehen, um eine ausreichende Nahrungsaufnahme zu fördern. Lieblingsgerichte können in größeren Mengen vorgekocht und portionsweise eingefroren werden.
  • Keine Verbote! Eine bunte Lebensmittelauswahl beinhaltet Süßspeisen genauso wie landesübliche Hausmannskost. Abwechslung ist absolut erwünscht – je nach Lust und Laune (und Verträglichkeit!).
  • Mehrere kleine Mahlzeiten (5-7) über den Tag zu verteilen, hilft die Nährstoffaufnahme sowie die Verträglichkeit der Speisen zu steigern.
  • Fixe Esszeiten können helfen, den Tag zu strukturieren, allerdings können sie auch hinderlich sein. Daher gilt: gegessen werden soll, wenn Hunger und Appetit vorhanden sind!
  • Zwischenmahlzeiten bereitstellen. Ein gefüllter Obstkorb, ein aufgeschnittener Apfel, ein Teller mit Keksen, eine fruchtige Topfencreme, Grissini im Glas oder Brothäppchen – so kann man auch zwischen den Mahlzeiten zum Zugreifen animieren.
  • Schaffen Sie eine angenehme Ess-Atmosphäre ohne unnötige Ablenkungen.
  • Essen in Gesellschaft kann die Nahrungsaufnahme fördern.
  • Eine angemessene Unterstützung beim Essen (z.B. Fleisch vorschneiden) sowie die passenden Hilfsmittel (z.B. tiefe Teller oder Besteck mit Griffverdickung) können die Nahrungsaufnahme für die Betroffenen maßgeblich erleichtern.
  • Das Auge isst mit! Bei appetitlich angerichteten Speisen wird deutlich lieber zugegriffen und die Lust aufs Essen wird gefördert.
  • Schwierigkeiten beim Kauen oder Schlucken** können Anpassungen der Nahrungskonsistenz erforderlich machen, z.B. weichere Speisen, pürierte Kost (nur wenn notwendig).
  • Lieferdienste wie Essen auf Rädern bieten eine gute Lösung, wenn sich das Zubereiten von Speisen als schwierig erweist. Informieren Sie sich über Angebote in Ihrer Umgebung!
  • Mit kleinen Tricks lassen sich Speisen energiereicher gestalten, z.B. durch Zugabe von hochwertigen Pflanzenölen im Topfenaufstrich, Nussmus oder gemahlenen Nüssen im Joghurt, kalorienreichen Milchprodukten (Butter, Crème fraîche, Schlagobers, Käse) zum Verfeinern von Saucen, Suppen oder Nudelgerichten. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt!
  • Eine proteinreiche Lebensmittelauswahl kann dem Muskelabbau im Rahmen einer Mangelernährung entgegenwirken. Bei jeder Hauptmahlzeit sollte zumindest eine hochwertige Proteinquelle eingebaut werden (z.B. Eier, Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte, Sojaprodukte wie Tofu oder Tempeh).
  • Wenn die oben genannten Maßnahmen nicht ausreichen, können Zusatz- bzw. Trinknahrungen eine hilfreiche Unterstützung sein, um den Nährstoffbedarf zu decken. Sie sollen zusätzlich zu den normalen Mahlzeiten über den Tag verteilt getrunken werden (nicht anstelle von Mahlzeiten!).
  • Eine geringe Trinkmenge kann zu Schwächegefühl und Müdigkeit, aber auch zu ernsteren gesundheitlichen Problemen führen. Neben einer ausreichenden Nahrungszufuhr ist auf eine angemessene Flüssigkeitszufuhr zu achten!

 

Kompetente Beratung: Sie können die angeführten Praxistipps gerne ausprobieren. Bei schwerwiegenden Problemen oder gezielten Fragestellungen, wird jedoch eine individuelle Ernährungstherapie und Beratung durch eine Diätologin/einen Diätologen dringend empfohlen!

Gut zu wissen: Der INES-Youtube Kanal liefert noch mehr praktische Tipps zur richtigen Ernährung im Alter. Die 15 kurzen Videos wurden von Expertinnen der Medizinischen Universität Graz und den Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz entwickelt und erklären relevante Ernährungsthemen (z.B. Ernährung bei Demenz, Eiweißzufuhr, Verdauung, Schluckstörung, Kochtipps, etc.) leicht verständlich.  https://www.youtube.com/@ines2023videos/videos

Quellen, Begriffserklärungen und Hinweise

*GLIM: „Global Leadership Initiative on Malnutrition“

**Logopädische Abklärung bei Schluckstörungen jedenfalls empfohlen.

 

  • Volkert, D. (2020). „Aktuelle ESPEN-Leitlinie Klinische Ernährung und Hydration in der Geriatrie.“ Aktuelle Ernährungsmedizin 45(05): 348-355.
  • Volkert, Dorothee et al. (2022): ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clinical Nutrition, Volume 41, Issue 4, 958 – 989

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Individuelle Ernährungsberatung

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